Alles Farbe oder was!?

Immer wieder wird in Foren die Frage gestellt, in welchen RAL Farben die Boote denn lackiert waren. Ich habe dazu einen sehr interessanten Artikel in Panzer-Modell.de gefunden der dieses Problem ziemlich gut beschreibt.

Mittlerweile bin ich zu dem gleichen Schluß gekommen wie der Autor Tobias Fuß. In seinem Artikel geht es zwar primär um Farben bei Panzerfahrzeugen zur Zeit des zweiten Weltkriegs, aber das Ergebnis lässt sich genau so auch auf andere Bereiche im Modellbau projezieren.

Text mit freundlicher Genehmigung von Tobias Fuß.

 

Farbwahnsinn...

So sehr ich heutige Internetforen zum Gedankenaustausch Gleichgesinnter begrüße, ich bin es manchmal echt leid, was ich mitunter darin zu Lesen bekomme. Speziell die Frage nach der "korrekten" Farbe. Es ist nicht so sehr die Frage selbst die meinen Unmut erregt, es ist vielmehr die Qualität der Antworten die man darauf bekommt.

Ich lese also immer wieder von diesem zentralen Problem, welches die Modellbauer von der WKII Fraktion und gerade die Anfänger unter ihnen verständlicherweise umtreibt:

Was ist denn nun das korrekte Dunkelgelb / Olive Drab / Russischgrün? Nimmt man besser Tamiya, Vallejo, Modelmaster, Humbrol, Gunze...??

Die Frage ist wohl gerechtfertigt, aber die Antworten darauf sind meiner Meinung nach samt und sonders, nennen wir es: fragwürdig! Viele Leute haben sich schon dem Thema gewidmet, ohne zu einer (für meine Begriffe) überzeugenden Lösung zu kommen. DAS eine allgemeingültige Dunkelgelb, oder OD, oder 4B0-Grün für unser Modell kann es jedoch nach meiner Erfahrung gar nicht geben und ich werde auch versuchen hier darzulegen, warum.

Ich möchte mich an dieser Stelle als Fahrzeugtechnikingenieur zu erkennen geben, mit acht Jahren Berufserfahrung in 2012, die sich 50/50 auf zwei große traditionsreiche Nutzfahrzeughersteller verteilen. Davon war ich bisher und immer noch andauernd 6 Jahre im Bereich der Entwicklung und Konstruktion von Militärprojekten tätig. Deshalb glaube ich einigermaßen qualifizierte Aussagen aus der Praxis treffen zu können. Der Rest ist angelesenes Wissen und die daraus gezogenen Schlüsse, sowie gesunder Menschenverstand und inzwischen 25 Jahre eigene Modellbauerfahrung.

Mich erstaunt vor allem die Verbissenheit und Rechthaberei mit der diese Diskussion oft geführt wird, und die unverrückbaren Meinungen die gerne postuliert werden. Diese taugen jedoch, wie ich finde, bestenfalls dazu Anfänger zu verunsichern, weil sie die heutigen Bemalungstechniken wie zum Beispiel Filter völlig außer Acht lassen. Würden wir uns alle nur nach diesen Farbdiktaten richten, die Modelle wären steril und hätten höchstens Spielzeugcharakter.

Zum Hauptthema Dunkelgelb kann man gleich mal feststellen, dass es einen hierfür entwickelten Vorkriegsfarbton gab, der aber nicht zur Einführung gelangte. Stattdessen wurde ein ganz anderes, senffarbenes Dunkelgelb verwendet und das auch noch ohne eine RAL-Farbnummer, nämlich Dunkelgelb nach Muster. Das heißt im Klartext, dass die Hersteller von Großgerät für die Wehrmacht eine Vorlage an die Hand bekamen, nach der sie selbst das Dunkelgelb aus anderen Farben mischen mussten. Das gab es also nicht mal fertig zu beziehen! Versteht sich wohl von selbst, dass es am Geschick des Lackierers lag, die Vorlage zu treffen. Nicht mal das RAL Institut vermag heute noch zu sagen, was die Mischung nun genau war. 1944 erst wurde Dunkelgelb zwar mit einer RAL Nummer versehen, aber der Farbton wurde komplett umgestellt. Noch später 1945, als die Rohstofflage immer schlechter wurde, hat man Dunkelgelb noch mal geändert, ironischerweise in einen Farbton ähnlich dem der Vorkriegsentwicklung. Also hat man Dunkelgelb während des Krieges ohnehin zwei bis drei Mal offiziell geändert, zusätzlich zu den feinen Unterschieden die sich zwangsläufig bei Dunkelgelb nach Muster ergeben haben müssen. Die Qualitätsstandards für den Farbton waren damals außerdem bestimmt nicht so hoch wie heute.

Das Gleiche gilt für OD, was in Wirklichkeit nur eine Mischung aus Khaki und Schwarz war. Natürlich waren zur Herstellung Richtlinien vorhanden. Den "Federal Standard" mit einer FS-Nummer für OD gibt es aber erst seit 1956 und auch nur, weil man während des 2. Weltkriegs erkannte, dass eine Vereinheitlichung der Farbgebung militärischen Geräts geboten war. Die größte Varianz finden wir sowieso beim russischen 4B0-Grün. Da wurde selbst im Kalten Krieg noch alles Verfügbare zusammengekippt. Ich kenne dank eines Kollegen die "Beschaffungs- und Lackierungspraktiken" der Rumänischen Armee der 80er Jahre, zu damaliger Zeit WP-Mitglied mit allen Konsequenzen, aus erster Hand.

Wir reden außerdem speziell im Fall von Dunkelgelb von einer Kriegswirtschaft. Es wurde gemischt, gestreckt und wahrscheinlich auch getrickst, nur um produzieren zu können. Lackiert wurde im Werk, in der Feldinstandsetzung und an der Front. Die Tarnpasten für die Truppe wurden von dieser mit Benzin und was weiß ich noch alles verdünnt, immer wieder anders. Dazu kamen die Qualität der Farben und die Herkunft, sprich der Hersteller. Je nach Alter des Anstrichs, ausgesetzter Sonneneinstrahlung und Witterung können die Fahrzeuge dann nach einiger Zeit mal so oder so ausgesehen haben. Selbst Fahrzeuge des gleichen Bauloses mit der identischen Farbmischung, einmal im Einsatz in Italien und einmal in Russland, sahen nach einiger Zeit, da gehe ich jede Wette ein, aufgrund der unterschiedlichen äußeren Bedingungen jeweils anders aus.

Wenn nun jemand kommt und sagt, er habe ein Stück Farbe von Originalausrüstung oder einem Originalfahrzeug abgekratzt, kann ich darüber nur milde lächeln. Völlig egal ob es sich um einen Boden- oder Scheunenfund handelt, die Farbe ist alt und verblichen. Schon mal ein altes rotes Auto gesehen? Was einstmals glänzend Feuerrot war, sieht nach nur zehn Jahren schon eher aus wie tote Blutorange. Was ist wohl erst nach 70 Jahren?

                       

Na ja werden manche sagen, das ist halt Glanzlack, wir beschäftigen uns aber mit matten Tarnfarben, die sind nicht so anfällig. Falsch! Genau das Gegenteil ist der Fall. Glänzende Farben sind deutlich widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse als matte Lacke, weswegen heute Fahrzeuge in Dreifarbtarn auch ab Werk mit einem Glanzgrad von 30% ausgeliefert werden. Das sieht für das menschliche Auge immer noch matt aus, ist es aber nicht. Würden wir die Fahrzeuge wirklich matt lackieren, würden selbst frisch gewaschene Hände bei der kleinsten Berührung gut sichtbare Flecken hinterlassen, die auch nicht mehr weggehen. Über den Glanzgrad von Dunkelgelb hat seltsamerweise noch nie jemand spekuliert. Vielleicht mangels Sachkenntnis?

 

Ich weiß schon, die Skeptiker sind damit nicht zu überzeugen, schließlich geht es ihnen ja darum, was die richtige Farbe für ein neu ausgeliefertes Fahrzeug war. Um aus der Praxis zu sprechen: wir verwenden bei Militär nur Farben von einem einzigen Lieferanten, da auch bei genormten RAL und FS Farbtönen, von Lackhersteller zu Hersteller leichte Farbnuancen auftreten. Selbst bei ein und demselben Lieferanten kann es, z.B. bei einer Charge vom März und einer vom September, zu Unterschieden kommen. Ja sogar im selben Gebinde können diese Unterschiede noch auftreten! Ich beziehe mich jetzt mal, für einen besseren Vergleich zu Dunkelgelb, ganz konkret auf RAL 6014 F9 Gelboliv (infrarothemmend) im Neuzustand für Fahrzeuge eines unserer Kunden. Wir lassen diese noch regelmäßig von Umbauherstellern modifizieren. Selbst wenn jene für ihre Anbauteile und Änderungen RAL 6014 benutzen, kann das Ergebnis doch merklich anders aussehen und sei es nur dem Glanzgrad geschuldet. Das ist auch der Grund, warum diese Fahrzeuge für gewöhnlich vor der Endauslieferung noch mal mit unserem Lack übernebelt werden. Dafür wird die bestehende Lackierung aber vorher erst von einer Farbangleichanlage mittels Spektralanalyse gemessen und die Farbe vor dem Spritzen automatisch gemischt und somit an die vom Fahrzeug anpasst. Wenn also selbst bei heutigen Qualitätsstandards für die Herstellung eine genormte gelbolive Farbe des selben Lieferanten nicht einheitlich genug ist, was bedeutet das dann erst für damals?

Überhaupt diese Fixierung auf das RAL System. Da gibt es immer wieder mal Fälle, wo jemand eine Original-RAL-Farbkarte von 1944 gefunden haben will. Die hat allenfalls museumswert. Schon mal ein weißes Blatt Papier in die Sonne gelegt und zugesehen wie es von der UV-Strahlung gelb gefärbt wird? Diese Karte ist null aussagekräftig! In der heutigen Nutzfahrzeugbranche müssen die RAL-Vergleichsmusterkarten regelmäßig ausgetauscht werden. Ganz einfach weil die Karten altern und damit ihre Farbechtheit verlieren. Der Zyklus ist beim Federal Standard (und wahrscheinlich auch bei RAL) sogar auf gerademal zwei Jahre beschränkt, dann ist die Karte schon ungültig. Aber die ist noch gar nicht die Referenz. Für die Qualitätssicherung hat man eigens lackierte Blechmuster, die ebenfalls regelmäßig getauscht und bis dahin im QS-Labor in einem lichtlosen Raum gelagert werden müssen. Also auch hierin liegt somit kein ernstzunehmender Hinweis zur Farbe von damals. Was heute so in den RAL-Listen im Web an Dunkelgelb und anderen Wehrmachtsfarben wie DAK Sandgelb herumgeistert, ist ja nur ein Nachkriegskonstrukt (da offiziell genaugenommen gestrichen und aus dem Register entfernt), quasi eine einfache, nicht zwangsweise fundierte Schätzung. Für mich ist damit klar dass man, ohne die Mixtur zu kennen, die genau exakte Farbe heute unmöglich noch wissen oder ohne Aufwand rekonstruieren kann und die ganze Diskussion deshalb müßig ist. Alles reine Spekulation, wir wissen allenfalls den ungefähren Farbton, der dazu noch gestreut hat!

Bleibt noch der gern gemachte Verweis auf Vorlage-Farbbilder. Das ist der größte Trugschluss von allen! Und ich rede nicht nur vom Fotofilm, der wahrscheinlich noch bis weit in die 80er Jahre von sehr unterschiedlicher Qualität gewesen sein dürfte. Jedes Übertragungsmedium verfälscht die Farben. Das gleiche Bild, dargestellt auf drei verschiedenen PC-Monitoren, sieht drei Mal anders aus. Und ausgedruckt auf einem nicht geeichten Farbdrucker wird es noch mal schlimmer. Nur durch die Abhängigkeiten von Farbton, Sättigung und Helligkeit. Da reden wir noch gar nicht von den Tücken des Tageslichts, die kommen jetzt.

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Ich habe hier drei Mal das gleiche Objekt, fotografiert an ein und demselben Tag mit derselben Kamera, zu verschiedenen Uhrzeiten und Lichtverhältnissen. Mal bewölkt, mal sonnig, dann schattig. Und jetzt verrate mir doch einer, welche Farbe ich für die Lackierung genommen habe? Selbst wenn der Betreffende wüsste, dass die ganz linke Aufnahme noch am ehesten das Original trifft, ich glaube er wäre erstaunt über die Auflösung.

Zu guter Letzt und dann schließe ich: die RICHTIGE Farbe zu kennen und fertig gemischt im Fläschchen zu haben, hilft uns immer noch nicht weiter, denn da wäre ja noch der Maßstabseffekt. Der bezeichnet das Phänomen bei dem die Luftmoleküle, die zwischen dem Objekt und seinem Betrachter liegen, dieses mit zunehmender Entfernung heller erscheinen lassen. Weswegen man eigentlich auch mit kleiner werdendem Maßstab zunehmend Weiß zur Grundfarbe geben muss. Und das ist, genau wie oben bei Dunkelgelb nach Muster, letztlich eine Frage des Geschicks (und wohl auch des eigenen Geschmacks).

Was ich eigentlich damit sagen will, ist: Liebe Anfänger, lasst Euch doch nicht so sehr davon verunsichern, welche Farbe Ihr für Euer Modell verwenden sollt damit es "richtig" aussieht. Selbst wenn ihr ein fabrikneues Exemplar darstellen wollt, aber gerade bei einem Fahrzeug nach längerer Einsatzzeit. Wahrscheinlich entmutigen Euch sogar die Menschen, die selbst gar kein Modell auf die Reihe kriegen und wenn man sie danach fragt, dann haben sie immer zu wenig Zeit! Es ist gut Fragen zu stellen und sich helfen zu lassen, aber man sollte sich nicht mit dem typisch deutschen Obrigkeitsglauben und Scheuklappen in dieser Sache verrennen. Vor allem das selber Abschauen bei anderen Modellbauern führt meistens dazu, das man bald darauf seinen eigenen Weg findet. Probiert also aus soviel Ihr könnt, nehmt den Farbenhersteller der Euch am besten zusagt, mit dessen Produkten Ihr am ehesten klar kommt, wo für Euch das beste Ergebnis dabei herauskommt!

Wichtig ist doch nur dass EUCH Euer Modell gefällt, dass es stimmig und harmonisch wirkt. Denn wenn es gut aussieht, ist es auch richtig. Modellbau ist ja wohl ein Stück weit Kunst, Interpretation und Vorstellungskraft. Also habt einfach Spaß, statt Euch mit der Suche nach DEM korrekten Dunkelgelb aufzuhalten. Denn wenn man es so genau nehmen würde, müsstet Ihr für ein Modell an einem sonnigen Tag in Russland, oder an einem bewölkten in der Normandie, eigentlich die Farbe schon jeweils anders mischen! Da es inzwischen aber weitestgehend Standard ist die Modelle künstlich zu altern und zu verschmutzen, verfälscht das ohnehin eine vermeintlich "korrekte" Farbe, wenn man nicht genug aufpasst, mitunter ziemlich radikal.

Obwohl ich mir jetzt beinahe die Finger wund getippt und hoffentlich stichhaltig argumentiert habe, verbleiben wahrscheinlich immer noch ein paar unbeirrbare Zweifler, welche der Realität einfach nicht ins Auge sehen wollen. Nun ja, ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Also hier noch mal ein Detailfoto eines echten Fahrzeugs kurz vor der Auslieferung, alles original Anlieferzustand und Einbau ab Werk. Jetzt darf sich jeder einmal verwundert die Augen reiben, ob der unterschiedlichen Farbtöne von RAL 6014 am Längsträger, an den Konsolen, den Spannbändern und nicht zuletzt dem Druckbehälter selbst!

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Das Bild zeigt somit nebenbei bemerkt, dass einige Aspekte des Color Modulation Style gar nicht so künstlich sind, wie von seinen Gegnern gerne behauptet...